Vier Thesen zum Planen im Bestand als kulturelle Aufgabe

Vorträge

„Architektur und das Gedächtnis des Ortes“
Vortrag „Innovationsforum Wohungsbau“ der Universität Karlsruhe, 30.11.2004 von Norbert Wansleben


1. Das Ideal der modernistischen Architektur - Bauen auf der „grünen Wiese“ - ist passé

Das Volumen von Baumaßnahmen im Bestand hat inzwischen das von Investitionen in Neubauten überschritten. Dieser Trend wird nicht nur weiter anhalten, sondern sich noch verstärken. Betroffen ist davon vor allem der Wohnungsbau. Die Zahl der bundesweit geförderten Wohnungen im sozialen Wohnungsbau haben von 1999 (c.a. 62.000 WE) bis 2001 (38.000 WE) um 39% abgenommen! Der Trend ist deutlich und wird sich eher noch intensivieren. Investitionsanreize wie die Eigenheimzulage werden fallen. Auch die Nachfrage für den frei finanzierten Wohnungsbau wird somit weiter abnehmen.

Die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik schrumpft. Eine Erweiterung der Versorgung mit Wohnraum wird obsolet. Gegenargumente wie die Zunahme der Wohnfläche pro Bewohner und regionale Unterschiede können jedoch nicht von dem Schluss ablenken, dass der klassische Wohnungsbau in Zukunft nur noch in geringem Umfang nachgefragt werden wird.

Die genannten Zahlen und Trends sind bekannt und fast schon Allgemeingut. Es ist aber notwendig sich diese Zahlen deutlich vor Augen zu führen, um zu verstehen, wie unausweichlich die Konsequenzen für die Architekten insbesondere mit einem Tätigkeitsschwerpunkt im Wohnungsbau sind. Den klassischen Wohnungsbau als eine Standartaufgabe für den Architekten gibt es nicht mehr. Die meisten Architekten begegnen dem Wohnen als Bauaufgabe im Bestand. Die Überarbeitung, die Veränderung, das Anpassen des Bestandes ist die Bauaufgabe der Gegenwart und der Zukunft.

Klassische Instrumentarien des Entwurfs, Gegenstand und Techniken der Realisierung verändern sich hierdurch und erfordern eine radikale Neuorientierung. Die Vorstellung vom Architekten als ein Schöpfer originärer Werke muss abgelöst werden durch den Architekten als den Gestalter von räumlichen Transformationen. Das Bauen auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese“ spielt schon heute im Berufsalltag nur eine untergeordnete Rolle. Die Transformation von baulichen und städtebaulichen Strukturen ist die Aufgabe von heute und erst recht der Zukunft.

Dies erfordert auch eine Veränderung in der Ausbildung. Die klassische Gebäudelehre wird von ihrem funktionalistischen Ansatz her, der eine konsequente Segregation von Nutzungen zu Grundlage hat, diesen Anforderungen nicht mehr gerecht.

Die Wohnbaulehre als die Vermittlung der Techniken zur Produktion von Wohnraum hat sich überlebt. Der bauliche Bestand, die Lebens-Realität in unseren Wohnquartieren ist in weiten Teilen wesentlich komplexer als das langweilige und funktionalistische Spartendenken der klassischen Gebäudelehre.

Hier ist aus meiner Sicht dringend eine Neustrukturierung der Lehre in den Architektur-Fakultäten notwendig. Denn wenn wir uns als Architekten dem Thema der Veränderung im Bestand nicht mit aller Energie stellen, werden andere dieses Feld besetzen und dem Berufsstand und den Studenten, die wir ausbilden, gehen die Chancen auf ein spannenden und umfangreichen Tätigkeitsfeld tendenziell verloren. Schon in anderen Bereichen z.B. der Projektorganisation und –steuerung, haben wir das Feld fahrlässig anderen überlassen. Dies sollte uns nicht noch einmal passieren.

Das Thema der Veränderung dürfen wir auf keinen Fall abgeben an Techniker, Bauphysiker und andere, die diese vermeidlich undankbaren und teilweise beschwerlichen Bauaufgaben gerne übernehmen. Stellen sie sich in Forschung und Lehre diesem Thema. Es ist wichtig!

2. Planen im Bestand ist eine kulturelle, das heißt eine ästhetische und soziale Aufgabe

Es ist aber nicht nur wichtig ,sondern lohnt sich auch, da die Aufgaben im Bestand in vielen Fällen außergewöhnlich spannend sind, ein hohes Maß an Kreativität verlangen, kurz gesagt, all das, was Architekten aufgrund ihrer Ausbildung und Selbstverständnis als Kulturschaffende bieten können.

Das Projekt Freiheit 54 dient dazu, den Fokus auf einige Aspekte dieser interessanten Bauaufgaben zu werfen. Anfänglich war ich etwas irritiert, dass Sie gerade dieses Projekt ausgewählt haben, doch bei näherer Betrachtung bin ich froh hierüber, weil es in gewisser Weise ein gewöhnliches Projekt ist. Es schöpft seine architektonische Attraktivität aus seiner alltäglichen Rezeption der Bewohner und Anwohner.

Es soll deutlich werden, dass der Umstand der vermeidlichen Beschränkung durch den Bestand ein weitaus höheres Maß an Kreativität, kulturelle Kompetenz, und Kenntnisse in der Anwendung von Bauweisen und Planungstechniken verlangt als das Bauen auf der schon zitierten „grünen Wiese“.

Planen und Bauen im Bestand bedeutet, örtliche Transformationen in ästhetischer, technischer und funktionaler Hinsicht zu organisieren. Die kulturelle Perspektive lautet wie dargelegt nicht mehr Wachstum, sondern kreativer Umgang mit dem, was da ist. Es ist eine Operation am lebenden Körper. Wir wissen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen, wie schwierig das ist. Es geht um das Gestalten eines Verhältnisses zwischen Vorhandenem und dem Neuem, zwischen Redundanzen und Möglichkeiten.

Wie radikal die räumliche Gestaltung dieses Verhältnisses mit kulturellen Fragen zusammenhängt, verdeutlicht uns Claude Levis Strauss in seinem Buch „die traurigen Tropen“: Es erzählt von der Umstrukturierung eines Indianerdorfes der Bororo im Amazonasgebiet durch Missionare des Salesianer-Ordens. Um die Indianer für die Missionierung empfänglich zu machen, haben die Salesianer das Dorf zu einem Straßendorf umbauen lassen. Die Einwohnern sollten ihrer an der Siedlungsstruktur orientierten sozialen Handlungsanleitungen und damit ihrer Identität beraubt werden. Ein signifikantes Strukturmerkmal der traditionellen sozialen Ordnung war die Teilung des Dorfes in vier Siedlungen gewesen, die wesentlich die Verwandtschaftsverhältnisse definiert hatte. Ein Mann hatte z.B nur eine Frau aus einem der anderen Viertel heiraten dürfen. Auch wenn die Hütten nach dem Wiederaufbau genau so aussahen wie vor der Zerstörung, hat die Dorfgemeinschaft ihren sozialen Plan und ihre Geschichte verloren, ihre Kultur und Identität wurde ausgelöscht. 

Das Beispiel zeigt die hohe kulturelle Bedeutung der räumlichen Struktur. Ohne einen kulturell codierten Raum können wir keine Identität bilden.

3. Architekten brauchen theoretische Werkzeuge, um dem Verhältnis zwischen örtlicher Redundanz und Veränderung gestaltisch begegnen zu können. Hierzu dient das Konzept vom „Gedächtnis des Ortes“

Auch wenn unsere Kultur nicht so ausschließlich auf die materielle Struktur ihrer Siedlungen angewiesen ist wie die schriftlose Kultur der Bororo, rückt doch deren Bedeutung für unser Selbstverständnis mehr und mehr in den Mittelpunkt kulturwissenschaftlicher Betrachtungen. Es gibt geradezu ein Boom der Kultur der Erinnerung.

Die Bedeutung der Erinnerung im Zusammenhang materieller Zeugnisse, „Die Verortung des Gedächtnis“, wie eine Publikation zu diesem Thema genannte wurde, verdient gesteigertes Interesse. Hier zeichnet sich eine Umkehrung ab von einer Vorstellung, die eher vom Verschwinden des Ortes und seiner Bedeutung als eine Folge der Zunahme virtueller Räume im Cyberspace ausging. Im Gegenteil: in der Folge der Revolution durch die Informationstechnologie und der hierdurch ausgelösten Veränderungsdruck und Verlustängste steigt die Notwendigkeit habitueller, synästhetischer Erfahrungsmöglichkeiten. Materielle Räume haben eine vorrangige Identitätsfunktion. Karl Schlögel spricht in seiner Publikation „Im Raume lesen wir die Zeit“ von einem „spatial turn“ der sich vollzieht und dazu führt, “dass die Räumlichkeit und Verräumlichung menschlicher Geschichte zum Punkt der Reorganisation, zur Neu-Konfiguration der alten Disziplinen – von Geographie bis Semiotik, von Geschichte bis Kunst, von Literatur bis Politik- werden wird“. Ich möchte gerne hinzufügen: ebenso der Stadtplanung bis zur Architektur als der Disziplinen, die im wörtlichen Sinne die materiellen Voraussetzungen hierzu schaffen. Dadurch kann Architektur sich eine neue kulturelle Bedeutungsebene erschließen – ja, sollte sich dieser bewusst werden.

Hier taucht ein Aspekt in der Gestaltung von örtlichen Transformationen auf, der in der bisherigen Diskussion nach meiner Kenntnis keinen besonderen Rang hatte: Es geht um die Bedeutung von Architektur im Kontext eines örtlichen Gedächtnisses. Hiermit ist nicht die Delegation von Erinnerungsarbeit an große Monumente mit hoher Symbolkraft wie ground zero oder die Frauenkirche in Dresden gemeint, sondern ein Umgang mit Spuren auf der Ebene einer Alltagskultur im Maßstab des Quartiers, der unmittelbaren Nachbarschaft. Es geht darum, Raum zu schaffen für Erzählungen sowohl im Kontext eines kollektiven Gedächtnisses als auch im Rahmen persönlicher, autobiographischer Erinnerung. Es geht um die narrative Potenz von Architektur.

Aber wie kann ein Gebäude dazu gebracht werden eine Geschichte zu erzählen oder präziser: Menschen dazu anregen, Geschichten anhand von Gebäuden zu erinnern oder zu kreieren?

„Was sind Elemente, die dazu anregen, das Gedächtnis eines Ortes als die Rekonstruktion einer Spur zu lesen, die direkt etwas mit mir, mit meiner Art etwas zu sehen, zu tun haben? Die Literatur und die Filmkunst haben uns immer wieder vorgeführt, dass genau diese Spuren, die persönlichen Erfahrung verorteten, die anregendsten sind. 

Warum sollte die Architektur nicht mit solchen Elementen umgehen können? Dann müsste sie sich lediglich davon verabschieden, Herrin über die Bedeutung von Orten zu sein. Vielmehr wäre der Beitrag der Architektur, das Vorgefundene zu lesen und es systematisch mit Fragen der Nutzbarkeit, den Wohnanforderungen, technischen Möglichkeiten etc. so zu verknüpfen, das Gestaltung, das heißt der konstruktiver Umgang mit all diesen Elementen, möglich ist. Architekten müssten dann zum Beispiel die Spuren eines Ortes zwar in verschiedenen historischen, sozialen und politischen Bezügen lesen, jedoch immer in Hinblick auf eine mögliche für das Wohnen geeignete Ästhetik. Der Architekt experimentiert mit Spuren also vor allem im Kontext von Materialien, Formen und Relationen zwischen Gestaltungsprinzipien. Und weil er seine eigenen Qualitätskriterien in Bezug auf Spuren hat, erlaubt er dem Produkt seiner Gestaltung die Freiheit, die Vielfalt von Bedeutungsmöglichkeiten zu fördern. Ein Haus, ein besonderes Haus, kann dann sowohl historische Wunden zeigen, die in den Erinnerungen schmerzen, das heißt zum Erzählen, um sich selbst verstehen zu können, anregen. Oder das Haus kann einfach als hipp, als anregend im vagsten aller möglichen Sinne, wahrgenommen werden. Und gerade durch diese Subtilität einen Dialog anzuregen, der nicht nur eine individuelle, sondern eine kollektive Verortung ermöglicht, ist das Angebot einer authentischen Architektur“.

 „Die Funktion der Architektur im Kontext des örtlichen Gedächtnisses“

4. Und was heißt das? Ein Plädoyer für eine authentische Architektur

Neben dem Begriff der Spur ist ein Schlüsselwort zum Verständnis meines Anliegens das Attribut „authentisch“. Die Zuschreibung der Eigenschaft „authentisch“ kann dann erfolgen, wenn ein Gegenstand genau das ist, was er vorgibt zu sein. Das heißt der Rezipient kann mit Sicherheit annehmen, dass es keine Differenz gibt zwischen der Erscheinungsform und dem Wesen einer Sache. Erst durch diese Eigenschaft erfährt die Architektur eine Qualität, die indentitätsstiftend wirken kann.

Ein Beispiel für die narrative Qualität einer authentischen Gestaltung der Veränderung sollte das Projekt Freiheit 54 sein. Ich hatte bislang dieses Anliegen ehr als eine sehr persönliche, schwierig zu vermittelnde Aufgabenstellung verstanden. Um so erstaunter und erfreuter waren wir durch ein überwältigendes Interesse aus der Nachbarschaft und des weiteren Umfeldes. Am Tag der Architektur im Frühsommer dieses Jahres hatten wir zum Besuch des Hauses eingeladen und wurden innerhalb der 8 Stunden Besuchszeit von ca 300 Interessierten geradezu überrannt. Viele ältere Menschen waren unter den Besuchern, die mit dem Gebäude persönliche Erinnerungen verbanden. Andere wollten unsere Version der Erzählungen erfahren, zu der das Gebäude anregt. Einige haben die Architekten beschimpft, weil sie die Spuren einer lokalen Katastrophe nicht entfernt haben, die für sie noch immer ein Trauma ist. Wenige hat das Gebäude gleichgültig gelassen. Die lokale Geschichtswerkstatt hat das Gebäude fest in das Programm ihrer Führungen durch den Stadtteil aufgenommen. Eine Publikation des Geschichtsvereins ist geplant. Die Presse hat in ihren Lokalseiten ausführlich berichtet. Eine entfernte Resonanz auf diese Vorgänge ist bis nach Karlsruhe gelangt und hat zu einer Einladung geführt.


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