Die Funktion der Architektur im Kontext eines örtlichen Gedächtnisses

Vorträge

„Architektur und das Gedächtnis des Ortes“
Beitrag zum Vortrag „Innovationsforum Wohungsbau“ der Universität Karlsruhe, 30.11.2004 von Leon Jesse Wansleben


„Die Stadt, halb Erinnerungsbild
(und doch ganz wirklich),
beginnt und endet in uns, Wurzeln,
in unser Gedächtnis gesenkt.” 
(Lawrence Durell in seinem Roman Balthazar über Alexandria)

 

Gedächtnis ist die Struktur von Unterscheidungen, durch die Identitäten kondensiert und problematisiert werden. Unterscheidungen sind Operationen. Das heißt: Gedächtnis ist eine Funktion nicht vergangener, sondern gegenwärtig stattfindender Aktionen. Was erinnert wird, ist vergangen, und muss deshalb erinnert werden, um präsent zu sein. Die Erinnerung selbst findet in der Gegenwart statt. Die Unterscheidungen trennen Erinnerung und Vergessen. Dadurch machen sich Systeme zukunftsfähig, nämlich indem sie sich durch bestimmte Erinnerungen auf eine antizipierte Zukunft einstellen. Niklas Luhmann spricht vom ständigen Oszillieren zwischen einermemory function (Redundanzen herstellen) und einer oscillar function (künftige Gegenwarten ermöglichen). ?...das Gedächtnis leistet eine laufende Modifikation von Vergangenem, um es mit einer gegenwärtig möglichen Zukunft zu verbinden." (1) Die Operationsweise ist rekursiv, das heißt sie erfolgt durch Abweichung oder Bestätigung vergangener Gedächtnisoperationen des Systems. Jede Gedächtnisoperation führt also nicht nur dazu, dass manches erinnert und anderes vergessen wird, sondern sie spannt gleichzeitig einen Möglichkeitsraum für künftiges Erinnern/Vergessen auf. Das Prinzip der Rekursivität hat zur Folge, dass eine Struktur entsteht, und zwar aus der fortlaufenden Veränderung des Verhältnisses von Erinnerung und Vergessen. Das zweite Prinzip, das diesen Gedächtnisbegriff ausmacht ist die Selektivität. Erinnern meint positiv Selegieren, Vergessen meint Inhibieren.

Identität ist nun das Kondensat der Gedächtnisselektionen und reflektiert primär auf das Wie. Man kann den Begriff in zwei Richtungen beschreiben: als Lösung , als Einheit von Differenzen, oder als Problem , als Resultat und Ursache für Differenzen.

Hegel würde von Identität als die auf sich selbst reflektierende Einheit der Differenzen sprechen - übersetzt: als nachholenden Blick auf die Form der Unterscheidung selbst. Luhmann würde Identität als ein Problembegriff definieren, der beschreibt, dass Systeme im Reflexionsmodus ebenso Unterscheidungen treffen müssen. Dies führe zu einem Oszillieren zwischen der Form Erinnerung/Vergessen und anderen Unterscheidungen - z.B. ego/alter.

Gedächtnis ließe sich demnach definieren als der Raum - entweder eines Bewusstseins- oder Kommunikationssystems -, in dem Unterscheidungen zwischen Erinnern und Vergessen getroffen werden, und durch diese Unterscheidungen Systemen ermöglicht wird, sich selbst zu bestimmen. Bestimmen bedeutet jedoch gerade nicht Komplexität aufzulösen, sondern unbestimmte Komplexität in bestimmte zu transformieren, also in solche, die operationalisierbar ist (durch Oszillation zwischen Redundanz und Varietät, Erinnerung und Ungewissheit).

Die Unterscheidungsbildung zwischen Erinnern und Vergessen als Bezugnahme einer bestimmten Gewesenheit auf eine antizipierte ungewisse Zukunft erfolgt zumeist in Form von Geschichte. Gemeint ist sowohl die politisch und wissenschaftlich selektierte kollektive Geschichte als auch persönliche Erinnerungen. Gemeinsam haben alle Geschichten, dass sie als Erzählungen funktionieren, also als zeitliche und sprachliche Sequentialisierungen von Erinnertem. Wir sind nur insoweit in der Welt, so behauptet der Philosoph Paul Ricoeur, als wir uns erzählend unserer selbst vergewissern können. Gedächtnis erlaubt es uns, der Zeitlichkeit unseres Seins eine sinnhafte Form zu geben, und der Modus, in dem sich Gedächtnis mit dieser Form entfalten kann, ist die Erzählung. Nur so findet die Gegenwart der Vergangenheit ihren Platz in der Gegenwart der Gegenwart, nämlich als Herleitung (also Erzählung) davon, warum ich heute so bin wie ich bin.

Doch wenn die Erzählung der einzige Modus für Gedächtnisoperationen wäre, dann tauchten Orte lediglich als Referenzen des Zeichensystems Sprache auf (z.B. als ?Mauerfall", ?Ground Zero" oder ?Frauenkirche"). Orte sind jedoch mehr als sprachliche Referenzen. Orte, so sagt Karl Schlögel, sieht und begreift man nur, wenn man sie erlebt. Deshalb können sich viele Erinnerungen an Orte knüpfen, die nicht in einer großen Erzählung auflösbar sind. Und zwar weil Orte der unmittelbaren Erfahrung zugänglich sind und damit eine Gedächtnisleistung erfordern, die sich nicht in sprachlichen Deutungen erschöpft. Der Ort macht Zeitzeugen erfahrbar, dass ihr Gedächtnis Bezug nehmen muss auf eine unmittelbare Erfahrungsebene. Das Gedächtnis wird sich eines Widerstandes bewusst, nämlich des Widerstandes Identität nicht nur an kommunikative, sondern auch an wahrnehmungsmäßige Unterscheidungen zu knüpfen. Karl Schlögel spricht in diesem Zusammenhang von der subversiven Kraft des Ortes. Der Selektionsprozess Erinnern/Vergessen findet sich also wieder in der Verknüpfung von gegenwärtiger Wahrnehmung und der Selektion von Erinnerungen.

Das Gedächtnis oszilliert zwischen dem Ort als gegenwärtig genutztem Lebensraum und einem ?Spurenlesen", das heißt einer Auseinandersetzung mit Erzählungen und Erfahrungen, auf die dieser Ort verweist . Mit Spur wird eine Verräumlichung von Zeichen beschrieben. Spuren eines Gebäudes lesen heißt die Deutungsmöglichkeiten des Wahrgenommenen aufzugreifen. Ermöglicht wird dies durch Kontextualisierung des Wahrgenommenen in Erfahrungen oder Erzählungen. Doch solche Kontextualisierungen sind kontingent und prekär. Derrida sagt, dass eine Spur einen Zeichenzusammenhang beschreibt, in dem die Zeichen von Brüchen getrennt sind.

Ein Ort, und dies will der Begriff der Spur deutlich machen, ist kein geschichtlich gewachsener Kristallisationspunkt. Die Spuren, die auf eine Geschichtlichkeit verweisen, sind keine ?historischen" Spuren. So wäre der Derridasche Begriff der Spur ungenau interpretiert. Spuren sind bruchstückhafte Zusammenhänge von Zeichen, die Materialität und Bedeutung haben. Die Spur erfordert gerade durch ihre fehlende vorgängige Kontextualisierung ein solches Lesen, das viel mit Erfahrung und Erinnerung zu tun hat - das mit Différanceumgehen kann. Ein Venedig in Las Vegas will seine Spur möglichst unsichtbar machen, denn es soll den Menschen ja einreden, sie seien an einem Ort - nämlich in Venedig. Eine Spur gewinnt ihre Irreduzibilität von Bedeutungsmöglichkeiten dadurch, dass sie in der Lage ist in Resonanz zu treten mit Erzählungen und Erfahrungen. Der städtische Ort ist einer, der umgeben ist von solchen Geschichten.

Was hat das mit Gestaltung zu tun, so könnte man fragen? Sind nicht Spuren vor allem jene eher zufälligen, bruchstückartigen Zeichenzusammenhänge, in denen etwas in seiner ungestalteten Materialität zu Wahrnehmungen beiträgt, die identitätsstiftend sind? Die dazu anregen, das Gedächtnis eines Ortes als die Rekonstruktion einer Spur zu lesen, die direkt etwas mit mir, mit meiner Art etwas zu sehen, zu tun hat? Die Literatur hat uns immer wieder vorgeführt, dass genau diese Spuren die Anregendsten sind.

Doch warum sollte die Architektur nicht von der Literatur lernen? Dann müsste sie sich lediglich davon verabschieden, Herrin über die Bedeutung von Orten zu sein. Vielmehr wäre der Beitrag der Architektur, das Vorgefundene zu lesen und es systematisch mit Fragen der Nutzbarkeit, den Wohnanforderungen, technischen Möglichkeiten etc. so zu verknüpfen, dass Gestaltung, das heißt konstruktiver Umgang mit all diesen Elementen möglich ist. Architekten müssten dann zum Beispiel die Spuren eines Ortes in verschiedenen historischen, sozialen und politischen Bezügen lesen, jedoch immer in Hinblick auf eine mögliche für Wohnen geeignete Ästhetik. Der Architekt experimentiert mit Spuren also vor allem im Kontext von Materialien, Formen und Relationen zwischen Gestaltungsprinzipien. Und weil er seine eigenen Qualitätskriterien in Bezug auf Spuren hat, erlaubt er dem Produkt seiner Gestaltung die Freiheit, Irreduzibilität von Bedeutungsmöglichkeiten zu fördern. Ein Haus, ein besonderes Haus, kann dann historische Wunden zeigen, die in den Erinnerungen schmerzen, die zum Erzählen als Bearbeitung von Erinnerung anregen. Oder das Haus kann einfach als anregend aufgrund seiner Ambivalenz wahrgenommen werden. Durch diese Subtilität einen Dialog anzuregen, der nicht nur eine individuelle, sondern auch eine soziale Verortung ermöglicht, ist das Angebot, das eine authentische Architektur machen kann.

 

(1) Niklas Luhmann: Kontrolle durch Intransparenz. In: Ahlemeier, Königswieser: Komplexität managen: Strategien, Konzepte und Fallbeispiele. Wiesbaden 1997. S. 63


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